8. B I L D A N A L Y S E

Juni 2, 2010

Übung zur klassischen Bildanalyse :

z.B.  “ Heilige Cäcilie – Das unsichtbare Klavier “ 1923                             Öl auf Lw 101×82     Staatsgalerie Stuttgart

EINLEITUNG  :  WAS  ist dargestellt  ?

Dr. Karin von Maur schrieb zu diesem Bild im Katalog der Stuttgarter Staatsgalerie :

“ Das von surrealistischer Kombinationslust geprägte Gemälde greift die Legende der Hl. Cäcilie auf, die im 5. Jahrhundert in Rom nach einem grausamen Martyrium starb. Da während ihres Leidens eine himmlische Orgel gespielt haben soll, galt sie später als Schutzpatronin der Kirchenmusik. Die bedrängende Ummauerung, mit der Max Ernst die Heilige umschließt, stellt das seltene Motiv des Caldariums dar, des Ofens, in dem sie ersticken oder verbrennen sollte. Doch sie überlebte, und die Geste der blütenförmigen, nach dem unsichtbaren Klavier tastenden Hände erinnert an eine Cäcilien-Darstellung des Barockmalers Carlo Dolci, die der Vater des Künstlers kopiert hatte.

Diese Reminiszenz vereint sich mit einer anderen Bildquelle: einem Stich von Pierre Jean Mariette aus dem 18. Jahrhundert, der den Aufbau der Ummantelung bei der Herstellung des Bronzegusses von Bouchardons Reiterstandbild Ludwig XV. zeigt.

Durch das von dem Stich angeregte Herausragen der Gliedmaßen und durch die augenartigen Ösen auf den Bausteinen ließ sich die steinerweichende Glaubenskraft der Märtyrerin veranschaulichen.“

Durch die Quellen, Bildvorlagen und Interpretationen gibt Dr. Karin von Maur natürlich schon viel mehr als nur die schlichte neutrale Beschreibung dessen, was zu sehen ist……. Die Ösen auf den Quadersteinen sind eigentlich Halterungen bzw. Griffe, um die Quader anzupacken und aufzubauen.  Außerdem ist beim Bronzegießen jeder Quader numeriert, damit stimmig nach Plan aufgebaut werden kann……. Interessant ist der ruinöse halb aufgebrochene Zustand der gefängnisartigen Ummantelung, die wohl das enge Befangensein des Menschen im logischen Alltagsverstand symbolisieren soll, was nur von Künstlern kraft Träumen und Visionen aufgebrochen wird. Diese neuen Künstler, zu denen sich MaxE zählt, sind genauso außergewöhnlich und unverstanden wie damals die Heiligen. Interessant ist auch die Tatsache, dass vom Instrument ( Klavier statt Orgel) nur noch die rückseitige Ummantelung steht und dass es außerdem eine Stufe erhöht und in die Raumtiefe versetzt ist : das Klavier selbst ist nicht zu sehen ( vgl. Bildtitel und die Verwandtschaft der französischen Worte Cécile und cécité = Blindheit. Cäcilias Hände  greifen ins Leere und formen durch die jeweils abstehenden kleinen Finger ein M ( = Max ?)  Es geht also nicht um bekannte normale Musik sondern um eine ganz neue erträumte Musik bzw. Kunst, die MaxE propagiert wie die unverstandene gefolterte Hl. Cäcilie einen neuen Glauben vertrat….. Kabelartige Schnüre  und Kabelhalterungen verbinden einige Bausteine miteinander und erscheinen auch senkrecht am Himmel, scheinen das ganze Bild zu elektrifizieren, denn ein Vogel ( =persönliches Symboltier des MaxE) scheint davon senkrecht in Schockstarre gebannt.  Im Hintergrund ein gerader zentralperspektivisch stark verkürzter Kanal und ein ferner kastenartiger Berg in derselben rotbraunen Farbe wie die Quader-steine der Klavierummantelung.

2.  FORMALANALYSE  :   WIE  ist es dargestellt :

a)  Maltechnik  +  Malweise ( Farbauftrag, Pinselduktus) deckend gemalt, keine altmeisterliche Lasurmalerei wie bei Dalí, sondern im 3-stufigen Farbauftrag ( vgl. mittelalterliche Altartafel -Malerei ) :  z.B. mittlere Hautfarbe wird zum Armrand hin abgedunkelt und auf Wölbungen mit Weiß aufgehellt, mittleres Rot des Kleides wird auf der Kniewölbung aufgehellt und an Rändern abgedunkelt, dabei sind die Farbübergänge glatt vertrieben und man sieht kaum Pinselspuren bzw. keinen Pinselduktus  außer bei den wolkenartigen welligen Blautönen am Himmel. Auch die Wiedergabe der Materialstofflichkeiten ( Steine, Sand, Haut, Haare) bleibt einfach, ohne illusionistische Rafinesse. Die Maltechnik bleibt bewusst auf dem Niveau des handwerklich soliden Sonntagsmalers oder des rechtschaffenen Schildermalers, umso delikater und raffinierter ist der Bildinhalt, WAS dargestellt ist !!!

b)  Farbgebung

= Gegenstandsfarbigkeit aus der sichtbaren Wirklichkeit z.B. Bausteine sind beige bis rotbraun, Himmel blau, Hautfarbe usw. z.T. aber sicherlich zugleich Symbolfarben : z. B. das Rot des Kleides ist sicherlich symbolisch gemeint für Leben, Energie, Emotionen…. und in den kranzartigen Haarflechten und  Hautschattierungen der Cäcilia sowie am Dekolleté findet sich das einzige Grün = einzige Lebenszeichen in der trocknen Wüste des normalen logischen Verstandes……….

c)  Plastizität und Räumlichkeit :

Durch das Hell-Dunkel des oben beschriebenen 3-stufigen Farbauftrags entsteht die illusionistische Plastizität der Dinge, unterstützt vom links oben steil einfallenden grellen Sonnenlicht, das wie bei de Chirico krasse Schatten wirft.

Raum durch Bildgründe und Standlinienposition :                      Die Bildgründe sind stufenartig dicht hintereinander angeordnet : Vordergrund : über dünnem wellenartigem braunem Sandstreifen beginnt tuchartig eine hellgraue Ebene, die bis zum fernen Hintergrund reicht. Darauf steht ein graues gezimmertes Podest, das wie in einer Bronzegießerei den Aufbau der Figur samt Ummantelung trägt. diese Raumzone ist aber so schmal, dass hier nur die vordere Ummantelung und der puppenartige Fuß der Cäcilie mit aktuell modischem Stöckelschuh Platz hat, dahinter, eine aus rotbraunem Buntsandstein aufgebaute Stufe höher, beginnt schon der Mittelgrund mit der stark verkürzten rotbraunen seitlichen und hinteren Ummantelung des Klaviers. Die lehnstuhlartige Innenschale des Klaviers ist vom starken Sonnenlicht hellbraun ausgeleuchtet. Direkt dahinter die 3. Raumzone mit einem zentralperspektivisch extrem verkürzten blauen Kanal, der auf ferne rotbraune Sanddünen mit einem rotbraunen kastenartigen Berg zuführt, der extrem verkleinert den fernen Hintergrund bildet.

Diese Raumwirkung wird von der Farbperspektive unterstützt = Verbläuung und Aufhellung der Boden-und Himmelsfarben zum Horizont hin….

Raum durch  Größenverhältnisse bzw. Verkleinerung : Damit die Figur der Cäcilie im Vordergrund monumental groß erscheint, wird der Horizont sehr niedrig gehalten und stehen nur schmale Streifen für die Bildgründe zur Verfügung. Umso extremer wird die Raumwirkung durch extreme Verkleinerung der Dinge forciert : Die Ummantelungsschale des Klaviers  wirkt vor allem durch starke Verkleinerung in den Mittelgrund versetzt. Die Oberkante eines normal passenden Klaviers reicht dem Spieler normalerweise bis zur Stirne ! Erhöht auf einem Mauerabsatz reicht es Cäcilie hier aber trotzdem nur bis zu den Schultern : so stark verkleinert ist es durch seine Position im Mittelgrund und umso monumentaler wirkt Cäcilie ! Erst recht der Tafelberg im Hintergrund ist extrem winzig. Ansicht bzw. Blickwinkel des Betrachters : Die Augenhöhe des Betrachters liegt auf der Horizonthöhe mit dem Fluchtpunkt des blauen Kanals, man sieht also sowohl das Klavier und erst recht die Cäcilie-Figur stark von unten also aus der sogenannten „Froschperspektive“. Dass man auf den Zwischenraum ihrer Arme , auf ihr Dekolleté und auf den Bruchrand der Klavierummantelung blickt beruht auf  MaxE´s künstlerischer Freiheit……

d)  Komposition :

Format : nur mäßiges Hochformat d.h. nicht viel höher als breit.

Proportionen, Maßverhältnisse : die M-förmigen Hände Cäciliens scheinen sich nicht zufällig in der geometrischen Bildmitte zu befinden, auf derselben Höhe der Mittelwaagerechten befindet sich auch der Vogel = MaxE´s persönliches Symboltier . An Cäciliens Scheitelpunkt kann man die Trichteröffnung der Ummantelung sehen, durch die man beim Gußvorgang die glühende flüssige Bronze gießt. Fällt man an dieser Stelle das Lot, dann entspricht diese Senkrechte proportional der von Vogel und vertikaler Induktionsleitung gebildeten Senkrechten rechts im Bild. Außerdem wäre es lohnend zu untersuchen, ob und wo der Goldene Schnitt eingesetzt ist.

Kompositionsschema : = Dreieckskomposition der bildbeherrschenden Figur der Cäcilie. Man könnte aber auch von Diagonalkomposition sprechen, da ihr linker Arm und ihr pedaltretendes Bein in Richtung der Bilddiagonale von links oben nach rechts unten liegen.

Richtungen und Richtungsrhythmen : Waagerechte und Senkrechte und deren Wiederholungen, Schrägen und Gegenschrägen und deren Wiederholungen untersuchen.

Formrhythmen = Formwiederholungen untersuchen.


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7. MAX ERNST in Paris

Mai 27, 2010

1921 Auf Einladung André Bretons stellt MaxE erstmals in Paris aus. Erste Begegnung mit Paul Eluard (1895-1952), Zusammenarbeit am Gedichtband „Répètitions“. Lernt alle Pariser Surrealisten kennen.

Seine Collagen werden surrealistisch-freudianisch bedeutungsvoll

z.B. 1921 „Nahe Pubertät oder Die Pleiaden“ Collage 24x16cm

„La puberté proche n´a pas encore enlevé la grâce tenue de nos Pléiades / Le regard de nos yeux pleins d´ombres est dirigé vers le pavé qui va tomber / La gravitation des ondulations n´existe pas encore.“


z.B. 1922 „La Parole oder Femme oiseau/Vogelfrau“


verwendet bzw. zitiert den Torso der Eva aus Dürers Meisterstich „Adam und Eva“ ( man nennt sowas ein `Bildzitat´)

und kombiniert ihn vielsagend mit medizinisch-anatomischen und zoologischen Abbildungen. Eva steht in der Schale eines Meerestiers: Eva = Venus = die aus dem Meer geborene Liebesgöttin, wird an Brust und Scham schräg von Vogelfiguren durchkreuzt (Vogel als Symbol des Sexualtriebs) Muskelmann Adam steht weiter oben = weiter hinten vor gebogener Schleusensperre, die das Wasser aufhält…..typischer perspektivischer Bretterboden ( vgl. de Chirico ! )

diverse Ölbilder entstehen quasi als  gemalte Collagen

z.B. “ Vögel-Fische-Schlange“ 1920


z.T. angeregt durch eigne Collagen

z.B. „Elefant Célèbes“ 1921 Öl auf Lwand 125×107 Tate Gallery London Gewaltige plastische metallische Hauptfigur angeregt von der Abb. eines afrikanischen Vorratspeichers aus Lehm als raumschaffendes bzw. den Bildraum bis zu den Rändern ausfüllendes elefantenhaftes Element, durch niederen Horizont  überdimensional riesig und alptraumhaft, Schlagschatten wie bei de Chirico, surrealistisch kombiniert mit vielerlei männlichen und weiblichen Symbolen, bekrönt von einem Sammelsurium technischer Gerätschaften, wie sie auch bei de Chirico zu finden sind….. die hohe Figur rechts aus konischen Metallteilen scheint aus einer früheren Dada-Collage zu stammen :

1922 Übersiedlung nach Paris, lebt im Haus von Paul und Gala Eluard.

Er malt das große Gruppenporträt aller surrealistischen Dichter und Künstler unter Nachthimmel in Eisberg-Landschaft:

1922 „Au rendez-vous des amis“ 130×195 Öl auf Lw, Museum LudwigUntere Reihe von links nach rechts : René Crevel (nach links abgewendet), Max Ernst auf den Knien des bärtigen Dostojewski sitzend, Theodor Fraenkel fast verdeckt von Jean Paulhan, Benjamin Péret mit Monokel, Johannes Baargeld und Robert Desnos kommen mit Riesenschritten von rechts. Obere Reihe von links nach rechts : Philippe Soupault, Hans Arp, Max Morise, Raffael Santi (1483-1520 !), Paul Eluard, Louis Aragon mit Lorbeerkranz um den Bauch, André Breton auf konzentrische Kreise zeigend, Giorgio de Chirico und Gala Eluard.

Max verliebt sich in Gala und bemalt Wände und Türen des Hauses Eluard :

z.B. „Beim ersten klaren Wort“ 1923 Wandmalerei im Hause Eluard.

Zugrunde liegt ein literarischer Text, der von Freud psychoanalytisch ausgedeutet wurde : Ein junges Mädchen rät seinem Liebhaber, eine bestimmte seltene Eidechse zu fangen, um ihren Vater, einen Zoologen, positiv zu stimmen. Der junge Mann träumt in der Nacht, das Mädchen würde ihm den schwierigen Fang mit einer Schlinge vorführen. Laut Freud entspricht der Tierfang im Traum dem Männerfang, den das Mädchen mit der vorgeschlagenen Aktion in Wirklichkeit beabsichtigt… Auf dem Bild wird ein eidechsengrünes Tier mit einer Schnur gefangen, die M-förmig an einer Mauer hängt. Zeigefinger und Mittelfinger einer weiblichen Hand, die zugleich wie Frauenbeine wirken, sind X-förmig gekreuzt : MX = MaX ! Auch Paul Eluard unterschrieb bzw. signierte stets mit PL = PauL…….Rote Beeren sind als Symbol der Verlockung, bzw. als Paradies-Früchte zu verstehen……


z.B. mit Schmetterlingsflügeln bemalte Türflügel des Hauses :

Wichtigstes Gemälde des Jahres 1923 ist dann „Die Erschaffung Evas“ oder La Belle Jardinière = Die schöne Gärtnerin“ .  Es ist aus der Collage „Femme Oiseau bzw Vogelfrau“ entwickelt. Die weibliche Figur erhält nun einen Kopf aber mit geschlossenen Augen = Schlaf = Traum. Unter den Lungenflügeln, die aufklappbar wirken wie bei einer medizinischen Anatomie-Puppe, wird der Bauch als offene Kugel dargestellt. Diese Bauchöffnung wird teilweise von einer Taube verdeckt ( Friedenssymbol ? oder Taube als fortpflanzungsfreudiger Vogel ? ) Die Figur steht in einer Landschaft mit typisch niedrigem Horizont und wirkt dadurch riesengroß. Rechts hinter ihr erscheint als lineare Zeichnung am Himmel eine männliche Figur mit Früchtekranz um Hals und Lenden. Seine linear-ornamentale Ganzkörperbemalung erinnert an exotische Naturvölker. Die Arme gen Himmel bzw. obere Bildkante erhoben, Hände und Schädeldecke fehlen. Das Bild geriet 1937 in die Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ Ein historisches Foto zeigt die Ausstellungsmacher und das von ihnen dann zerstörte Gemälde.


Interessant der vielsagende Doppeltitel : Der Titel „Die Erschaffung Evas“ nimmt wiederum Bezug auf Dürers Kupferstich von 1504, der zweite Titel „La Belle Jardinière = Die schöne Gärtnerin“ ist in sich wiederum doppeldeutig : Ein altes berühmtes Pariser Kaufhaus hieß „La Belle Jardinière“ :

Kaufhausreklame von 1919

Andererseits wird in christlicher Tradition Maria als „Schöne Gärtnerin“ bezeichnet. Der Garten ist der „hortus conclusus“ = der Paradiesgarten. Dieser geschlossene Garten ist aber auch ein Symbol der Jungfräulichkeit.  Im berühmten „Paradiesgärtlein“ von 1410 ergeht sich Maria mit dem Christuskind und verschiedenen anderen heiligen Jungfrauen ( Hl.Dorothea und Hl.Katharina und wie sie alle heißen…nur der Hl.Georg ist auch noch zugelassen, da er drachentötend eine Jungfrau beschützte…) Und auch ein sehr berühmtes Madonnenbild von Raffael (1508) heißt “ „Die Schöne Gärtnerin“Da MaxE den Verlust seines Bildes nie verschmerzen konnte, malte er 1967 „Die Rückkehr der Schönen Gärtnerin“ : ihr Kopf ist nun ein schwarzes Oval mit blauer Umrandung ( vgl. die Grattage-Wald-Bilder mit Sonne mit schwarzem Loch….) alles wirkt stilisierter, flächiger, schlichter…. eine bedeutungsvolle Blütenranke Tränender Herzen….



6. ABSTRAKTER SURREALISMUS

Mai 27, 2010

“ ÉCRITURE AUTOMATIQUE „ :  André Breton schildert die ersten mit P.Soupault zusammen unternommenen Versuche mit dem „automatischen Schreiben“ = Aneinanderreihen von aus dem Unterbewusstsein aufsteigenden Sätzen ohne Kontrolle ihres Zusammenhangs…. Das Ergebnis war „eine erstaunliche Beredsamkeit, viel Gefühl, ein beträchtlicher Reichtum an Bildern solcher Qualität, dass wir nicht ein einziges derselben bewusst und willentlich hätten hervorbringen können. Wir bezeichneten diese neue Art des Ausdrucks mit dem Namen Surrealismus.

Ein kleines franz. Video zeigt den alten Soupault  wie er von dieser Zeit mit Breton erzählt !

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Die bildenden Künstler machten entsprechende Experimente mit nahezu ungegenständlichen Kritzeleien. Solche „automatischen Zeichnungen“ überwanden auf neue, bisher nicht dagewesene Weise die abbildhaft-gegenständliche Kunst und wurde zum ABSTRAKTEN SURREALISMUS ausgebaut.  Wichtige Vertreter des abstrakten Surrealismus sind  z. B.  ANDRÉ  MASSON

und vor allem auch JOAN  MIRÓ  :  z.B.  Katalanische Landschaft oder Der Jäger 1923/24 ,  65x100cm

s. auch diesen reichhaltigen französischen blog über Miró und in der linken Liste auch viele Links zu DADA 13+Peintres+F-M

5. WIDER ALLE VERNUNFT : „cadavres exquis“

Mai 26, 2010

Um die Kontrolle der Vernunft gewaltsam auszuschalten, spielten die surrealistischen Dichter und Maler bei ihren Treffen gerne das heutzutage allbekannte Schreibspiel „Onkel Otto sitzt in der Badewanne“.  Ihr Lieblingssatz entstand natürlich in französischer Sprache und lautete : “ Le cadavre exquis boira le vin nouveau “ = Der exquisite Leichnam wird den neuen Wein trinken.  Die figürlichen Ergebnisse des entsprechenden Zeichenspiels wurden deshalb „Cadavres exquis“ genannt :

cadavre exquis von Yves Tanguy, Joan Miró, Max Morise und Man Ray ca 1926/27

cadavre exquis von Victor Brauner, André Breton, Hérold, Yves und Jeanette Tanguy um 1934

cadavre exquis im Breitformat also senkrecht gefaltet…….



4. Exkurs : weitere Wurzeln des SURREALISMUS : Lautréamont, Sigmund Freud, André Breton, Paul Éluard…

Mai 16, 2010

Von der Herrschaft der Logik zur Entdeckung des Unbewussten :

1920  wird Sigmund Freuds Buch über die Traumdeutung ins Französische übersetzt.

Die Künstler- und Dichtergruppe um André Breton und Paul Éluard reagiert und propagiert – ganz im Sinne Giorgio de Chiricos –  :  Kunst und Dichtung sollen die Dinge der rationalen Logik entziehen und stattdessen aus dem Unbewussten, Traumhaften und Zufälligen schöpfen ! Das rationalistische Weltbild wird als begrenzt und einengend empfunden. Der menschliche Erfahrungsbereich und die menschliche Gefühlswelt sollen erweitert werden durch Unbewusstes, Träume, Phantasien, subjektive Assoziationen und Halluzinationen…. Frühere, vor allem romantische und symbolistische Schriftsteller und Maler werden ins Blickfeld gerückt und als Vorläufer/Vorbilder gesehen :  so z.B.

NOVALIS = Friedrich Freiherr von Hardenberg  1772-1801 :

“ Mich dünkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens.“

“ Nur das Wunderbare ist schön.“

“ Wahnsinn und Bezauberung haben viel Ähnlichkeit.“

GÉRARD DE NERVAL = eigentlich Gérard Labrunie 1808 – 1855 schrieb angeblich im Zustand `supernaturalistischer Träumerei´…..

CHARLES BAUDELAIRE 1821 – 1867  „Les Fleurs du Mal“

ARTHUR RIMBAUD 1854 -1891  faszinierte durch`Wortalchimie´

GUILLAUME APOLLINAIRE 1880 -1918  war quasi noch Zeitgenosse und wichtigste Leitfigur… wurde von Giorgio de Chirico porträtiert……..

Die wichtigste Entdeckung jedoch war der unheimliche COMTE DE LAUTRÉAMONT Pseudonym für ISIDORE LUCIEN DUCASSE 1846-1870 : nannte einen Jüngling “ schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ . Mit dieser Formulierung ist das Wesen surrealer Schönheit beschrieben, die durch möglichst alogische absurde KOMBINATORIK erzielt wird =  Annäherung bzw. Kombination von zwei (oder mehr) einander wesensfremden Elementen auf einem ihnen wesensfremden Plan bzw. Platz.  Lautréamont sprach auch als erster von “ dépaysement“ (wörtlich : Entheimatung) = VERFREMDUNG : Herausnehmen eines Dings oder eines Begriffs aus seiner normalen Umgebung bzw. seinem logischen Zusammenhang und Verlagerung in eine ihm fremde Umgebung.

ZUFALL,  alogische KOMBINATORIK  und VERFREMDUNG werden alsbald zu Schlüsselbegriffen bzw. zu den wichtigsten Prinzipien bzw. kreativen Verfahren  des  SURREALISMUS !!!

Durch diese Anwendung des ZUFALLS,  der  KOMBINATORIK  und der VERFREMDUNG werden die surrealen Werke mit unseren TRÄUME verwandt, die meist weit jenseits der logischen Wirklichkeit liegen.


3. MAX ERNST DadaMax in Köln

Mai 14, 2010

geb. 1891 in Brühl  bei Köln

Vater = Lehrer an Taubstummenschule und Hobbymaler.

Kindheitserinnerungen an seinen Papagei, der in der Geburtsnacht seiner kleinen Schwester stirbt.

Max Ernst bewundert die romantischen Landschaftsbilder Caspar David Friedrichs und fühlt eine starke Affinität zum Wald.

1909 – 1914  Studium der Philosophie und Psychologie u.a.m.  hat aber  NIE  wirklich Kunst studiert !

Autodidaktische Frühwerke sind von Expressionismus und Kubismus beeinflusst, denn er hat Kontakt zu den Rheinischen Künstlern um August Macke, die wiederum in engem Kontakt zum französischen Kubismus/Orphismus um R. Delaunay stehen…..

1914 – 1918  Kriegsdienst

1918  Heirat

ab 1919   DadaMax  in Köln , Mitarbeit bei der kritischen Zeitung “ Der Ventilator „,  sie wird prompt von der Militärbehörde verboten.

DADA  propagiert statt Kunst die DADA-ANTI-KUNST, denn ALLES  IST  KUNST ! KUNST = LEBEN UND LEBEN = KUNST !!

Deshalb verwendet  MaxE nicht mehr die klassischen Malmaterialien, sondern stellt aus banalen Alltagsmaterialien  „Anti-Kunst“ her :  baut dadaistische Objekte und klebt Materialcollagen aus Abfall bzw. aus betont alltäglichen Materialien und Gegenständen, die NICHTS  mit Kunst zu tun haben und deshalb garantiert keine „hl. cunst“ im traditionellen Sinn ergeben können und insofern provozieren und gegen alle ästhetischen Konventionen und gegen alle traditionellen Wertvorstellungen revoltieren. Hinzu kommen die typisch dadaistischen Nonsense-Titel voller ironisch-aggressiver Wortspiele…. z.B. “ finger weg von der hl. cunst“ oder “ sodaliten (Soldaten) schneeberger drücketäler (Drückeberger) rosinen und mandeln schlagen die eingeborenen mitteleuropas zu meerschaum und eilen nach stattgehabter denudation den ereignissen in bester absicht voraus „.

ernst30.html = „Frucht langer Erfahrung“ Materialmontage 1919

Max Ernst. The Gramineous Bicycle Garnished with Bells the Dappled Fire Damps and the Echinoderms Bending the Spine to Look for Caresses. 1920/21. Gouache on print.

Max Ernst Zitat : „An einem Regentag in Köln am Rhein erregte der Katalog einer Lehrmittelanstalt meine Aufmerksamkeit: Ich sehe Anzeigen von Modellen aller Art : mathenatische, geometrische, Anthropologische, zoologische, botanische, anatomische, mineralogische, paläontologische usw., Elemente von so verschiedener Natur, dass die Absurdität ihrer Ansammlung blick- und sinnverwirrend wirkte, Halluzinationen hervorrief und den Gegenständen neue, schnell wechselnde Bedeutungen gab. Ich fühlte mein Sehvermögen plötzlich so gesteigert, dass ich die neuentstandenen Objekte auf neuem Grund erscheinen sah. Um diesen festzulegen, genügte ein wenig Farbe oder ein paar Linien, ein Horizont, eine Wüste, ein Himmel, ein Bretterboden und dergleichen mehr… Es galt dann nurmehr, die Resultate durch ein paar Worte auszudeuten… “

Freundschaft mit  HANS ARP, Bildhauer und Dada-Dichter

…. Übergang zum Surrealismus……

In der Zeitschrift „Valori plastici“ findet Max Ernst einige Abbildungen von Gemälden Giorgio de Chiricos. Die Verbindung von untereinander beziehungslosen Dingen, angestrahlt und scharfe Schlagschatten werfend im späten Nachmittagslicht, die Widersprüche der Raum-und Größenverhältnisseerschaffen eine neue andere SURREALE Wirklichkeit…….

2. DADA ab ca. 1915

Mai 14, 2010

DADAANTI-KUNST = ironisch-sarkastische Provokation, Revolte, Auflehnung gegen alle bisherigen Werte und Normen, da sie schmählich versagt hatten und zum Krieg geführt haben : Erich Kästner formulierte : „Die Welt braucht dringend ein paar Narren, denn ihr seht ja, wohin uns die Vernünftigen geführt haben !“

DADA-COLLAGE : überraschende, ironisch-humorvolle Kombination von möglichst alltäglichen banalen Realitätsteilen oder Ausschnitte aus wissenschaftlichen Lehrmittelkatalogen, um deren, deren schulmäßig ernsthafte rationale wissenschaftliche Abbildungen durch absurde Kombinationen verfremdet und ironisiert werden. Hinzu kommen obendrein provozierende Nonsense-Titel mit agressiv-ironischen Wortspielen.

George Grosz. Daum Marries Her Pedantic Automaton George in May 1920, John Heartfield is Very Glad of It. 1920. Watercolor and collage. 42 x 30.2 cm. Galerie Nierendorf, Berlin, Germany.

1. PITTURA METAFISICA Giorgio de Chirico u.a.

Januar 7, 2010

Während Picasso und seine Freunde die kubistische Abstraktion und Kandinsky mit dem „Blauen Reiter“ die lyrisch-expressive Abstraktion entwickeln, beharren einzelne italienische Maler auf der gegenständlichen Malerei :

GIORGIO  DE  CHIRICO ( 1888 – 1978 )  malte um 1913 eigenartige Bilder italienischer Städte : leere Plätze mit übertriebener Perspektive, von unwirklichem Licht angestrahlt, dunkle langgezogene Schlagschatten unterstreichen die räumliche Tiefenwirkung. Lineare Präzision und glatt ausgemalte Flächen betonen zusätzlich die gespenstische Leere, die Erstarrung und Reglosigkeit der Dinge, ihr Ausgesetztsein, ihre einsame Verlassenheit in der Leere des Raums. Raum und Dinge werden zum magischen Gegenüber, zu rätselhaften beunruhigenden Wesen. Auf solche Weise bahnt sich bei de Chirico die Übersetzung des Realen ins Surreale an …..

Giorgio de Chirico. Mystery and Melancholy of a Street. 1914. Oil on canvas. 88 x 72 cm. Private collection.

Giorgio de Chirico. Piazza d\’Italia. 1913. Oil on canvas. Art Gallery of Ontario, Toronto, Canada.

1917  begründen de Chirico und Carlo Carra die PITTURA  METAFISICA mit dem Ziel “ durch Malerei eine neue metaphysische Psychologie der Dinge zu konstruieren.“

Zitat von de Chirico : “ Damit ein Kunstwerk wahrhaft unsterblich ist, muss es die Grenzen des Menschlichen verlassen… Die Kunst wurde durch die modernen Philosophen und Dichter befreit : Schopenhauer und Nietzsche lehreten als erste die tiefe Bedeutung des Nicht-Sinns des Lebens und wie dieser Nicht-Sinn verwandelt werden könne in Kunst. Die Ausschaltung des logischen Sinns in der Kunst ist nicht die Erfindung von uns Malern. Das was die Logik unserer normalen Handlungen und unseres normalen Lebens ausmacht, ist ein ständiger Rosenkranz aus Erinnerungen und Beziehungen zwischen den Dingen und uns und umgekehrt. Man denke beispielsweise : Ein Mann sitzt in einem Zimmer mit einem Vogelkäfig und Büchern usw. usw. Alles erscheint ganz gewöhnlich und normal, weil die Erinnerungskette alles logisch erklärt. Aber nehmen wir an, dass aus unerklärlichen Gründen ein Glied dieser Kette bricht : wer weiß wie ich den sitzenden Mann, den Vogelkäfig und die Bücher sehen würde, welch erschrecktes Erstaunen… die Szene wäre indessen nicht verändert, aber ICH wäre es, der sie unter einem anderen befremdlichen Blickwinkel sehen würde ! Und damit wären wir beim metaphysischen Aspekt der Dinge !… Das wahrhaft Neue, was Nietzsche entdeckt hat ( s. seine `Turiner Briefe´) ist eine fremdartige und tiefe, grenzenlos mysteriöse und einsame POESIE, die auf der Stimmung eines Herbstnachmittags beruht, wenn das Wetter klar ist und die Schatten länger als im Sommer… –  Jedes Ding hat 2 Aspekte : den gewöhnlichen Aspekt, den wir fast immer sehen und den jedermann sieht, und den geisterhaften und metaphysischen Aspekt, den nur seltene Individuen sehen mögen in Momenten metaphysischer Abstraktion….. “ Auch jedes beliebige Wort kann, endlos aneinandergereiht ausgeprochen, von seinem normalen Wortsinn getrennt und zum seltsam fremden Wortlaut werden….

Der MAGISCHE  REALISMUS  de Chiricos und seine  „magische Dingerfahrung “ : Der Bildgegenstand ist ein von der menschlichen Erinnerungskette losgelöstes, also vollkommen unbegriffenes, alogisches, aber mit aller gegenständlicher Präzision dargestelltes Gegenüber von geradezu alptraumhafter Daseinswucht. Der Bildgegenstand ist auf seine Weise genauso fremd, neu und `absolut´wie ein völlig abstraktes d.h. ungegenständliches Bildelement. Die realen Dinge, die in kalter Präzision eine perspektivische Kulisse vor dem leeren Raum bilden, entfalten ein hintergründiges geheimnisvolles Pathos, zeigen absoluten Nicht-Sinn, aber dieses `Nichts´ scheint `Alles´zu bedeuten und manifestiert den magischen Aspekt der Dinge : Dieser magische Aspekt ist der Traumwirklichkeit verwandt : Logisch nicht zusammengehörende Dinge verkoppeln sich zu neuen alogischen Zusammenhängen, in denen gerade das banale, unbeachtete, alltägliche Ding den `sinnlosen Sinn´entfaltet und die `undeutbare Bedeutung´bekommt………. Aus  de Chiricos  PITTURA METAFISICA  entwickelt sich dann in Frankreich der Surrealismus , genauer gesagt der VERISTISCHE SURREALISMUS : gegenständlich präzise gemalt aber dennoch irreal, traumhaft…..

z.B.  Salvador Dalí,  Max Ernst,  René Magritte  u.v.m.