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1. PITTURA METAFISICA Giorgio de Chirico u.a.

Januar 7, 2010

Während Picasso und seine Freunde die kubistische Abstraktion und Kandinsky mit dem „Blauen Reiter“ die lyrisch-expressive Abstraktion entwickeln, beharren einzelne italienische Maler auf der gegenständlichen Malerei :

GIORGIO  DE  CHIRICO ( 1888 – 1978 )  malte um 1913 eigenartige Bilder italienischer Städte : leere Plätze mit übertriebener Perspektive, von unwirklichem Licht angestrahlt, dunkle langgezogene Schlagschatten unterstreichen die räumliche Tiefenwirkung. Lineare Präzision und glatt ausgemalte Flächen betonen zusätzlich die gespenstische Leere, die Erstarrung und Reglosigkeit der Dinge, ihr Ausgesetztsein, ihre einsame Verlassenheit in der Leere des Raums. Raum und Dinge werden zum magischen Gegenüber, zu rätselhaften beunruhigenden Wesen. Auf solche Weise bahnt sich bei de Chirico die Übersetzung des Realen ins Surreale an …..

Giorgio de Chirico. Mystery and Melancholy of a Street. 1914. Oil on canvas. 88 x 72 cm. Private collection.

Giorgio de Chirico. Piazza d\’Italia. 1913. Oil on canvas. Art Gallery of Ontario, Toronto, Canada.

1917  begründen de Chirico und Carlo Carra die PITTURA  METAFISICA mit dem Ziel “ durch Malerei eine neue metaphysische Psychologie der Dinge zu konstruieren.“

Zitat von de Chirico : “ Damit ein Kunstwerk wahrhaft unsterblich ist, muss es die Grenzen des Menschlichen verlassen… Die Kunst wurde durch die modernen Philosophen und Dichter befreit : Schopenhauer und Nietzsche lehreten als erste die tiefe Bedeutung des Nicht-Sinns des Lebens und wie dieser Nicht-Sinn verwandelt werden könne in Kunst. Die Ausschaltung des logischen Sinns in der Kunst ist nicht die Erfindung von uns Malern. Das was die Logik unserer normalen Handlungen und unseres normalen Lebens ausmacht, ist ein ständiger Rosenkranz aus Erinnerungen und Beziehungen zwischen den Dingen und uns und umgekehrt. Man denke beispielsweise : Ein Mann sitzt in einem Zimmer mit einem Vogelkäfig und Büchern usw. usw. Alles erscheint ganz gewöhnlich und normal, weil die Erinnerungskette alles logisch erklärt. Aber nehmen wir an, dass aus unerklärlichen Gründen ein Glied dieser Kette bricht : wer weiß wie ich den sitzenden Mann, den Vogelkäfig und die Bücher sehen würde, welch erschrecktes Erstaunen… die Szene wäre indessen nicht verändert, aber ICH wäre es, der sie unter einem anderen befremdlichen Blickwinkel sehen würde ! Und damit wären wir beim metaphysischen Aspekt der Dinge !… Das wahrhaft Neue, was Nietzsche entdeckt hat ( s. seine `Turiner Briefe´) ist eine fremdartige und tiefe, grenzenlos mysteriöse und einsame POESIE, die auf der Stimmung eines Herbstnachmittags beruht, wenn das Wetter klar ist und die Schatten länger als im Sommer… –  Jedes Ding hat 2 Aspekte : den gewöhnlichen Aspekt, den wir fast immer sehen und den jedermann sieht, und den geisterhaften und metaphysischen Aspekt, den nur seltene Individuen sehen mögen in Momenten metaphysischer Abstraktion….. “ Auch jedes beliebige Wort kann, endlos aneinandergereiht ausgeprochen, von seinem normalen Wortsinn getrennt und zum seltsam fremden Wortlaut werden….

Der MAGISCHE  REALISMUS  de Chiricos und seine  „magische Dingerfahrung “ : Der Bildgegenstand ist ein von der menschlichen Erinnerungskette losgelöstes, also vollkommen unbegriffenes, alogisches, aber mit aller gegenständlicher Präzision dargestelltes Gegenüber von geradezu alptraumhafter Daseinswucht. Der Bildgegenstand ist auf seine Weise genauso fremd, neu und `absolut´wie ein völlig abstraktes d.h. ungegenständliches Bildelement. Die realen Dinge, die in kalter Präzision eine perspektivische Kulisse vor dem leeren Raum bilden, entfalten ein hintergründiges geheimnisvolles Pathos, zeigen absoluten Nicht-Sinn, aber dieses `Nichts´ scheint `Alles´zu bedeuten und manifestiert den magischen Aspekt der Dinge : Dieser magische Aspekt ist der Traumwirklichkeit verwandt : Logisch nicht zusammengehörende Dinge verkoppeln sich zu neuen alogischen Zusammenhängen, in denen gerade das banale, unbeachtete, alltägliche Ding den `sinnlosen Sinn´entfaltet und die `undeutbare Bedeutung´bekommt………. Aus  de Chiricos  PITTURA METAFISICA  entwickelt sich dann in Frankreich der Surrealismus , genauer gesagt der VERISTISCHE SURREALISMUS : gegenständlich präzise gemalt aber dennoch irreal, traumhaft…..

z.B.  Salvador Dalí,  Max Ernst,  René Magritte  u.v.m.


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