Archive for Mai 2010

7. MAX ERNST in Paris

Mai 27, 2010

1921 Auf Einladung André Bretons stellt MaxE erstmals in Paris aus. Erste Begegnung mit Paul Eluard (1895-1952), Zusammenarbeit am Gedichtband „Répètitions“. Lernt alle Pariser Surrealisten kennen.

Seine Collagen werden surrealistisch-freudianisch bedeutungsvoll

z.B. 1921 „Nahe Pubertät oder Die Pleiaden“ Collage 24x16cm

„La puberté proche n´a pas encore enlevé la grâce tenue de nos Pléiades / Le regard de nos yeux pleins d´ombres est dirigé vers le pavé qui va tomber / La gravitation des ondulations n´existe pas encore.“


z.B. 1922 „La Parole oder Femme oiseau/Vogelfrau“


verwendet bzw. zitiert den Torso der Eva aus Dürers Meisterstich „Adam und Eva“ ( man nennt sowas ein `Bildzitat´)

und kombiniert ihn vielsagend mit medizinisch-anatomischen und zoologischen Abbildungen. Eva steht in der Schale eines Meerestiers: Eva = Venus = die aus dem Meer geborene Liebesgöttin, wird an Brust und Scham schräg von Vogelfiguren durchkreuzt (Vogel als Symbol des Sexualtriebs) Muskelmann Adam steht weiter oben = weiter hinten vor gebogener Schleusensperre, die das Wasser aufhält…..typischer perspektivischer Bretterboden ( vgl. de Chirico ! )

diverse Ölbilder entstehen quasi als  gemalte Collagen

z.B. “ Vögel-Fische-Schlange“ 1920


z.T. angeregt durch eigne Collagen

z.B. „Elefant Célèbes“ 1921 Öl auf Lwand 125×107 Tate Gallery London Gewaltige plastische metallische Hauptfigur angeregt von der Abb. eines afrikanischen Vorratspeichers aus Lehm als raumschaffendes bzw. den Bildraum bis zu den Rändern ausfüllendes elefantenhaftes Element, durch niederen Horizont  überdimensional riesig und alptraumhaft, Schlagschatten wie bei de Chirico, surrealistisch kombiniert mit vielerlei männlichen und weiblichen Symbolen, bekrönt von einem Sammelsurium technischer Gerätschaften, wie sie auch bei de Chirico zu finden sind….. die hohe Figur rechts aus konischen Metallteilen scheint aus einer früheren Dada-Collage zu stammen :

1922 Übersiedlung nach Paris, lebt im Haus von Paul und Gala Eluard.

Er malt das große Gruppenporträt aller surrealistischen Dichter und Künstler unter Nachthimmel in Eisberg-Landschaft:

1922 „Au rendez-vous des amis“ 130×195 Öl auf Lw, Museum LudwigUntere Reihe von links nach rechts : René Crevel (nach links abgewendet), Max Ernst auf den Knien des bärtigen Dostojewski sitzend, Theodor Fraenkel fast verdeckt von Jean Paulhan, Benjamin Péret mit Monokel, Johannes Baargeld und Robert Desnos kommen mit Riesenschritten von rechts. Obere Reihe von links nach rechts : Philippe Soupault, Hans Arp, Max Morise, Raffael Santi (1483-1520 !), Paul Eluard, Louis Aragon mit Lorbeerkranz um den Bauch, André Breton auf konzentrische Kreise zeigend, Giorgio de Chirico und Gala Eluard.

Max verliebt sich in Gala und bemalt Wände und Türen des Hauses Eluard :

z.B. „Beim ersten klaren Wort“ 1923 Wandmalerei im Hause Eluard.

Zugrunde liegt ein literarischer Text, der von Freud psychoanalytisch ausgedeutet wurde : Ein junges Mädchen rät seinem Liebhaber, eine bestimmte seltene Eidechse zu fangen, um ihren Vater, einen Zoologen, positiv zu stimmen. Der junge Mann träumt in der Nacht, das Mädchen würde ihm den schwierigen Fang mit einer Schlinge vorführen. Laut Freud entspricht der Tierfang im Traum dem Männerfang, den das Mädchen mit der vorgeschlagenen Aktion in Wirklichkeit beabsichtigt… Auf dem Bild wird ein eidechsengrünes Tier mit einer Schnur gefangen, die M-förmig an einer Mauer hängt. Zeigefinger und Mittelfinger einer weiblichen Hand, die zugleich wie Frauenbeine wirken, sind X-förmig gekreuzt : MX = MaX ! Auch Paul Eluard unterschrieb bzw. signierte stets mit PL = PauL…….Rote Beeren sind als Symbol der Verlockung, bzw. als Paradies-Früchte zu verstehen……


z.B. mit Schmetterlingsflügeln bemalte Türflügel des Hauses :

Wichtigstes Gemälde des Jahres 1923 ist dann „Die Erschaffung Evas“ oder La Belle Jardinière = Die schöne Gärtnerin“ .  Es ist aus der Collage „Femme Oiseau bzw Vogelfrau“ entwickelt. Die weibliche Figur erhält nun einen Kopf aber mit geschlossenen Augen = Schlaf = Traum. Unter den Lungenflügeln, die aufklappbar wirken wie bei einer medizinischen Anatomie-Puppe, wird der Bauch als offene Kugel dargestellt. Diese Bauchöffnung wird teilweise von einer Taube verdeckt ( Friedenssymbol ? oder Taube als fortpflanzungsfreudiger Vogel ? ) Die Figur steht in einer Landschaft mit typisch niedrigem Horizont und wirkt dadurch riesengroß. Rechts hinter ihr erscheint als lineare Zeichnung am Himmel eine männliche Figur mit Früchtekranz um Hals und Lenden. Seine linear-ornamentale Ganzkörperbemalung erinnert an exotische Naturvölker. Die Arme gen Himmel bzw. obere Bildkante erhoben, Hände und Schädeldecke fehlen. Das Bild geriet 1937 in die Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ Ein historisches Foto zeigt die Ausstellungsmacher und das von ihnen dann zerstörte Gemälde.


Interessant der vielsagende Doppeltitel : Der Titel „Die Erschaffung Evas“ nimmt wiederum Bezug auf Dürers Kupferstich von 1504, der zweite Titel „La Belle Jardinière = Die schöne Gärtnerin“ ist in sich wiederum doppeldeutig : Ein altes berühmtes Pariser Kaufhaus hieß „La Belle Jardinière“ :

Kaufhausreklame von 1919

Andererseits wird in christlicher Tradition Maria als „Schöne Gärtnerin“ bezeichnet. Der Garten ist der „hortus conclusus“ = der Paradiesgarten. Dieser geschlossene Garten ist aber auch ein Symbol der Jungfräulichkeit.  Im berühmten „Paradiesgärtlein“ von 1410 ergeht sich Maria mit dem Christuskind und verschiedenen anderen heiligen Jungfrauen ( Hl.Dorothea und Hl.Katharina und wie sie alle heißen…nur der Hl.Georg ist auch noch zugelassen, da er drachentötend eine Jungfrau beschützte…) Und auch ein sehr berühmtes Madonnenbild von Raffael (1508) heißt “ „Die Schöne Gärtnerin“Da MaxE den Verlust seines Bildes nie verschmerzen konnte, malte er 1967 „Die Rückkehr der Schönen Gärtnerin“ : ihr Kopf ist nun ein schwarzes Oval mit blauer Umrandung ( vgl. die Grattage-Wald-Bilder mit Sonne mit schwarzem Loch….) alles wirkt stilisierter, flächiger, schlichter…. eine bedeutungsvolle Blütenranke Tränender Herzen….



6. ABSTRAKTER SURREALISMUS

Mai 27, 2010

“ ÉCRITURE AUTOMATIQUE „ :  André Breton schildert die ersten mit P.Soupault zusammen unternommenen Versuche mit dem „automatischen Schreiben“ = Aneinanderreihen von aus dem Unterbewusstsein aufsteigenden Sätzen ohne Kontrolle ihres Zusammenhangs…. Das Ergebnis war „eine erstaunliche Beredsamkeit, viel Gefühl, ein beträchtlicher Reichtum an Bildern solcher Qualität, dass wir nicht ein einziges derselben bewusst und willentlich hätten hervorbringen können. Wir bezeichneten diese neue Art des Ausdrucks mit dem Namen Surrealismus.

Ein kleines franz. Video zeigt den alten Soupault  wie er von dieser Zeit mit Breton erzählt !

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Die bildenden Künstler machten entsprechende Experimente mit nahezu ungegenständlichen Kritzeleien. Solche „automatischen Zeichnungen“ überwanden auf neue, bisher nicht dagewesene Weise die abbildhaft-gegenständliche Kunst und wurde zum ABSTRAKTEN SURREALISMUS ausgebaut.  Wichtige Vertreter des abstrakten Surrealismus sind  z. B.  ANDRÉ  MASSON

und vor allem auch JOAN  MIRÓ  :  z.B.  Katalanische Landschaft oder Der Jäger 1923/24 ,  65x100cm

s. auch diesen reichhaltigen französischen blog über Miró und in der linken Liste auch viele Links zu DADA 13+Peintres+F-M

5. WIDER ALLE VERNUNFT : „cadavres exquis“

Mai 26, 2010

Um die Kontrolle der Vernunft gewaltsam auszuschalten, spielten die surrealistischen Dichter und Maler bei ihren Treffen gerne das heutzutage allbekannte Schreibspiel „Onkel Otto sitzt in der Badewanne“.  Ihr Lieblingssatz entstand natürlich in französischer Sprache und lautete : “ Le cadavre exquis boira le vin nouveau “ = Der exquisite Leichnam wird den neuen Wein trinken.  Die figürlichen Ergebnisse des entsprechenden Zeichenspiels wurden deshalb „Cadavres exquis“ genannt :

cadavre exquis von Yves Tanguy, Joan Miró, Max Morise und Man Ray ca 1926/27

cadavre exquis von Victor Brauner, André Breton, Hérold, Yves und Jeanette Tanguy um 1934

cadavre exquis im Breitformat also senkrecht gefaltet…….



4. Exkurs : weitere Wurzeln des SURREALISMUS : Lautréamont, Sigmund Freud, André Breton, Paul Éluard…

Mai 16, 2010

Von der Herrschaft der Logik zur Entdeckung des Unbewussten :

1920  wird Sigmund Freuds Buch über die Traumdeutung ins Französische übersetzt.

Die Künstler- und Dichtergruppe um André Breton und Paul Éluard reagiert und propagiert – ganz im Sinne Giorgio de Chiricos –  :  Kunst und Dichtung sollen die Dinge der rationalen Logik entziehen und stattdessen aus dem Unbewussten, Traumhaften und Zufälligen schöpfen ! Das rationalistische Weltbild wird als begrenzt und einengend empfunden. Der menschliche Erfahrungsbereich und die menschliche Gefühlswelt sollen erweitert werden durch Unbewusstes, Träume, Phantasien, subjektive Assoziationen und Halluzinationen…. Frühere, vor allem romantische und symbolistische Schriftsteller und Maler werden ins Blickfeld gerückt und als Vorläufer/Vorbilder gesehen :  so z.B.

NOVALIS = Friedrich Freiherr von Hardenberg  1772-1801 :

“ Mich dünkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens.“

“ Nur das Wunderbare ist schön.“

“ Wahnsinn und Bezauberung haben viel Ähnlichkeit.“

GÉRARD DE NERVAL = eigentlich Gérard Labrunie 1808 – 1855 schrieb angeblich im Zustand `supernaturalistischer Träumerei´…..

CHARLES BAUDELAIRE 1821 – 1867  „Les Fleurs du Mal“

ARTHUR RIMBAUD 1854 -1891  faszinierte durch`Wortalchimie´

GUILLAUME APOLLINAIRE 1880 -1918  war quasi noch Zeitgenosse und wichtigste Leitfigur… wurde von Giorgio de Chirico porträtiert……..

Die wichtigste Entdeckung jedoch war der unheimliche COMTE DE LAUTRÉAMONT Pseudonym für ISIDORE LUCIEN DUCASSE 1846-1870 : nannte einen Jüngling “ schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ . Mit dieser Formulierung ist das Wesen surrealer Schönheit beschrieben, die durch möglichst alogische absurde KOMBINATORIK erzielt wird =  Annäherung bzw. Kombination von zwei (oder mehr) einander wesensfremden Elementen auf einem ihnen wesensfremden Plan bzw. Platz.  Lautréamont sprach auch als erster von “ dépaysement“ (wörtlich : Entheimatung) = VERFREMDUNG : Herausnehmen eines Dings oder eines Begriffs aus seiner normalen Umgebung bzw. seinem logischen Zusammenhang und Verlagerung in eine ihm fremde Umgebung.

ZUFALL,  alogische KOMBINATORIK  und VERFREMDUNG werden alsbald zu Schlüsselbegriffen bzw. zu den wichtigsten Prinzipien bzw. kreativen Verfahren  des  SURREALISMUS !!!

Durch diese Anwendung des ZUFALLS,  der  KOMBINATORIK  und der VERFREMDUNG werden die surrealen Werke mit unseren TRÄUME verwandt, die meist weit jenseits der logischen Wirklichkeit liegen.


3. MAX ERNST DadaMax in Köln

Mai 14, 2010

geb. 1891 in Brühl  bei Köln

Vater = Lehrer an Taubstummenschule und Hobbymaler.

Kindheitserinnerungen an seinen Papagei, der in der Geburtsnacht seiner kleinen Schwester stirbt.

Max Ernst bewundert die romantischen Landschaftsbilder Caspar David Friedrichs und fühlt eine starke Affinität zum Wald.

1909 – 1914  Studium der Philosophie und Psychologie u.a.m.  hat aber  NIE  wirklich Kunst studiert !

Autodidaktische Frühwerke sind von Expressionismus und Kubismus beeinflusst, denn er hat Kontakt zu den Rheinischen Künstlern um August Macke, die wiederum in engem Kontakt zum französischen Kubismus/Orphismus um R. Delaunay stehen…..

1914 – 1918  Kriegsdienst

1918  Heirat

ab 1919   DadaMax  in Köln , Mitarbeit bei der kritischen Zeitung “ Der Ventilator „,  sie wird prompt von der Militärbehörde verboten.

DADA  propagiert statt Kunst die DADA-ANTI-KUNST, denn ALLES  IST  KUNST ! KUNST = LEBEN UND LEBEN = KUNST !!

Deshalb verwendet  MaxE nicht mehr die klassischen Malmaterialien, sondern stellt aus banalen Alltagsmaterialien  „Anti-Kunst“ her :  baut dadaistische Objekte und klebt Materialcollagen aus Abfall bzw. aus betont alltäglichen Materialien und Gegenständen, die NICHTS  mit Kunst zu tun haben und deshalb garantiert keine „hl. cunst“ im traditionellen Sinn ergeben können und insofern provozieren und gegen alle ästhetischen Konventionen und gegen alle traditionellen Wertvorstellungen revoltieren. Hinzu kommen die typisch dadaistischen Nonsense-Titel voller ironisch-aggressiver Wortspiele…. z.B. “ finger weg von der hl. cunst“ oder “ sodaliten (Soldaten) schneeberger drücketäler (Drückeberger) rosinen und mandeln schlagen die eingeborenen mitteleuropas zu meerschaum und eilen nach stattgehabter denudation den ereignissen in bester absicht voraus „.

ernst30.html = „Frucht langer Erfahrung“ Materialmontage 1919

Max Ernst. The Gramineous Bicycle Garnished with Bells the Dappled Fire Damps and the Echinoderms Bending the Spine to Look for Caresses. 1920/21. Gouache on print.

Max Ernst Zitat : „An einem Regentag in Köln am Rhein erregte der Katalog einer Lehrmittelanstalt meine Aufmerksamkeit: Ich sehe Anzeigen von Modellen aller Art : mathenatische, geometrische, Anthropologische, zoologische, botanische, anatomische, mineralogische, paläontologische usw., Elemente von so verschiedener Natur, dass die Absurdität ihrer Ansammlung blick- und sinnverwirrend wirkte, Halluzinationen hervorrief und den Gegenständen neue, schnell wechselnde Bedeutungen gab. Ich fühlte mein Sehvermögen plötzlich so gesteigert, dass ich die neuentstandenen Objekte auf neuem Grund erscheinen sah. Um diesen festzulegen, genügte ein wenig Farbe oder ein paar Linien, ein Horizont, eine Wüste, ein Himmel, ein Bretterboden und dergleichen mehr… Es galt dann nurmehr, die Resultate durch ein paar Worte auszudeuten… “

Freundschaft mit  HANS ARP, Bildhauer und Dada-Dichter

…. Übergang zum Surrealismus……

In der Zeitschrift „Valori plastici“ findet Max Ernst einige Abbildungen von Gemälden Giorgio de Chiricos. Die Verbindung von untereinander beziehungslosen Dingen, angestrahlt und scharfe Schlagschatten werfend im späten Nachmittagslicht, die Widersprüche der Raum-und Größenverhältnisseerschaffen eine neue andere SURREALE Wirklichkeit…….

2. DADA ab ca. 1915

Mai 14, 2010

DADAANTI-KUNST = ironisch-sarkastische Provokation, Revolte, Auflehnung gegen alle bisherigen Werte und Normen, da sie schmählich versagt hatten und zum Krieg geführt haben : Erich Kästner formulierte : „Die Welt braucht dringend ein paar Narren, denn ihr seht ja, wohin uns die Vernünftigen geführt haben !“

DADA-COLLAGE : überraschende, ironisch-humorvolle Kombination von möglichst alltäglichen banalen Realitätsteilen oder Ausschnitte aus wissenschaftlichen Lehrmittelkatalogen, um deren, deren schulmäßig ernsthafte rationale wissenschaftliche Abbildungen durch absurde Kombinationen verfremdet und ironisiert werden. Hinzu kommen obendrein provozierende Nonsense-Titel mit agressiv-ironischen Wortspielen.

George Grosz. Daum Marries Her Pedantic Automaton George in May 1920, John Heartfield is Very Glad of It. 1920. Watercolor and collage. 42 x 30.2 cm. Galerie Nierendorf, Berlin, Germany.