8. B I L D A N A L Y S E

Übung zur klassischen Bildanalyse :

z.B.  “ Heilige Cäcilie – Das unsichtbare Klavier “ 1923                             Öl auf Lw 101×82     Staatsgalerie Stuttgart

EINLEITUNG  :  WAS  ist dargestellt  ?

Dr. Karin von Maur schrieb zu diesem Bild im Katalog der Stuttgarter Staatsgalerie :

“ Das von surrealistischer Kombinationslust geprägte Gemälde greift die Legende der Hl. Cäcilie auf, die im 5. Jahrhundert in Rom nach einem grausamen Martyrium starb. Da während ihres Leidens eine himmlische Orgel gespielt haben soll, galt sie später als Schutzpatronin der Kirchenmusik. Die bedrängende Ummauerung, mit der Max Ernst die Heilige umschließt, stellt das seltene Motiv des Caldariums dar, des Ofens, in dem sie ersticken oder verbrennen sollte. Doch sie überlebte, und die Geste der blütenförmigen, nach dem unsichtbaren Klavier tastenden Hände erinnert an eine Cäcilien-Darstellung des Barockmalers Carlo Dolci, die der Vater des Künstlers kopiert hatte.

Diese Reminiszenz vereint sich mit einer anderen Bildquelle: einem Stich von Pierre Jean Mariette aus dem 18. Jahrhundert, der den Aufbau der Ummantelung bei der Herstellung des Bronzegusses von Bouchardons Reiterstandbild Ludwig XV. zeigt.

Durch das von dem Stich angeregte Herausragen der Gliedmaßen und durch die augenartigen Ösen auf den Bausteinen ließ sich die steinerweichende Glaubenskraft der Märtyrerin veranschaulichen.“

Durch die Quellen, Bildvorlagen und Interpretationen gibt Dr. Karin von Maur natürlich schon viel mehr als nur die schlichte neutrale Beschreibung dessen, was zu sehen ist……. Die Ösen auf den Quadersteinen sind eigentlich Halterungen bzw. Griffe, um die Quader anzupacken und aufzubauen.  Außerdem ist beim Bronzegießen jeder Quader numeriert, damit stimmig nach Plan aufgebaut werden kann……. Interessant ist der ruinöse halb aufgebrochene Zustand der gefängnisartigen Ummantelung, die wohl das enge Befangensein des Menschen im logischen Alltagsverstand symbolisieren soll, was nur von Künstlern kraft Träumen und Visionen aufgebrochen wird. Diese neuen Künstler, zu denen sich MaxE zählt, sind genauso außergewöhnlich und unverstanden wie damals die Heiligen. Interessant ist auch die Tatsache, dass vom Instrument ( Klavier statt Orgel) nur noch die rückseitige Ummantelung steht und dass es außerdem eine Stufe erhöht und in die Raumtiefe versetzt ist : das Klavier selbst ist nicht zu sehen ( vgl. Bildtitel und die Verwandtschaft der französischen Worte Cécile und cécité = Blindheit. Cäcilias Hände  greifen ins Leere und formen durch die jeweils abstehenden kleinen Finger ein M ( = Max ?)  Es geht also nicht um bekannte normale Musik sondern um eine ganz neue erträumte Musik bzw. Kunst, die MaxE propagiert wie die unverstandene gefolterte Hl. Cäcilie einen neuen Glauben vertrat….. Kabelartige Schnüre  und Kabelhalterungen verbinden einige Bausteine miteinander und erscheinen auch senkrecht am Himmel, scheinen das ganze Bild zu elektrifizieren, denn ein Vogel ( =persönliches Symboltier des MaxE) scheint davon senkrecht in Schockstarre gebannt.  Im Hintergrund ein gerader zentralperspektivisch stark verkürzter Kanal und ein ferner kastenartiger Berg in derselben rotbraunen Farbe wie die Quader-steine der Klavierummantelung.

2.  FORMALANALYSE  :   WIE  ist es dargestellt :

a)  Maltechnik  +  Malweise ( Farbauftrag, Pinselduktus) deckend gemalt, keine altmeisterliche Lasurmalerei wie bei Dalí, sondern im 3-stufigen Farbauftrag ( vgl. mittelalterliche Altartafel -Malerei ) :  z.B. mittlere Hautfarbe wird zum Armrand hin abgedunkelt und auf Wölbungen mit Weiß aufgehellt, mittleres Rot des Kleides wird auf der Kniewölbung aufgehellt und an Rändern abgedunkelt, dabei sind die Farbübergänge glatt vertrieben und man sieht kaum Pinselspuren bzw. keinen Pinselduktus  außer bei den wolkenartigen welligen Blautönen am Himmel. Auch die Wiedergabe der Materialstofflichkeiten ( Steine, Sand, Haut, Haare) bleibt einfach, ohne illusionistische Rafinesse. Die Maltechnik bleibt bewusst auf dem Niveau des handwerklich soliden Sonntagsmalers oder des rechtschaffenen Schildermalers, umso delikater und raffinierter ist der Bildinhalt, WAS dargestellt ist !!!

b)  Farbgebung

= Gegenstandsfarbigkeit aus der sichtbaren Wirklichkeit z.B. Bausteine sind beige bis rotbraun, Himmel blau, Hautfarbe usw. z.T. aber sicherlich zugleich Symbolfarben : z. B. das Rot des Kleides ist sicherlich symbolisch gemeint für Leben, Energie, Emotionen…. und in den kranzartigen Haarflechten und  Hautschattierungen der Cäcilia sowie am Dekolleté findet sich das einzige Grün = einzige Lebenszeichen in der trocknen Wüste des normalen logischen Verstandes……….

c)  Plastizität und Räumlichkeit :

Durch das Hell-Dunkel des oben beschriebenen 3-stufigen Farbauftrags entsteht die illusionistische Plastizität der Dinge, unterstützt vom links oben steil einfallenden grellen Sonnenlicht, das wie bei de Chirico krasse Schatten wirft.

Raum durch Bildgründe und Standlinienposition :                      Die Bildgründe sind stufenartig dicht hintereinander angeordnet : Vordergrund : über dünnem wellenartigem braunem Sandstreifen beginnt tuchartig eine hellgraue Ebene, die bis zum fernen Hintergrund reicht. Darauf steht ein graues gezimmertes Podest, das wie in einer Bronzegießerei den Aufbau der Figur samt Ummantelung trägt. diese Raumzone ist aber so schmal, dass hier nur die vordere Ummantelung und der puppenartige Fuß der Cäcilie mit aktuell modischem Stöckelschuh Platz hat, dahinter, eine aus rotbraunem Buntsandstein aufgebaute Stufe höher, beginnt schon der Mittelgrund mit der stark verkürzten rotbraunen seitlichen und hinteren Ummantelung des Klaviers. Die lehnstuhlartige Innenschale des Klaviers ist vom starken Sonnenlicht hellbraun ausgeleuchtet. Direkt dahinter die 3. Raumzone mit einem zentralperspektivisch extrem verkürzten blauen Kanal, der auf ferne rotbraune Sanddünen mit einem rotbraunen kastenartigen Berg zuführt, der extrem verkleinert den fernen Hintergrund bildet.

Diese Raumwirkung wird von der Farbperspektive unterstützt = Verbläuung und Aufhellung der Boden-und Himmelsfarben zum Horizont hin….

Raum durch  Größenverhältnisse bzw. Verkleinerung : Damit die Figur der Cäcilie im Vordergrund monumental groß erscheint, wird der Horizont sehr niedrig gehalten und stehen nur schmale Streifen für die Bildgründe zur Verfügung. Umso extremer wird die Raumwirkung durch extreme Verkleinerung der Dinge forciert : Die Ummantelungsschale des Klaviers  wirkt vor allem durch starke Verkleinerung in den Mittelgrund versetzt. Die Oberkante eines normal passenden Klaviers reicht dem Spieler normalerweise bis zur Stirne ! Erhöht auf einem Mauerabsatz reicht es Cäcilie hier aber trotzdem nur bis zu den Schultern : so stark verkleinert ist es durch seine Position im Mittelgrund und umso monumentaler wirkt Cäcilie ! Erst recht der Tafelberg im Hintergrund ist extrem winzig. Ansicht bzw. Blickwinkel des Betrachters : Die Augenhöhe des Betrachters liegt auf der Horizonthöhe mit dem Fluchtpunkt des blauen Kanals, man sieht also sowohl das Klavier und erst recht die Cäcilie-Figur stark von unten also aus der sogenannten „Froschperspektive“. Dass man auf den Zwischenraum ihrer Arme , auf ihr Dekolleté und auf den Bruchrand der Klavierummantelung blickt beruht auf  MaxE´s künstlerischer Freiheit……

d)  Komposition :

Format : nur mäßiges Hochformat d.h. nicht viel höher als breit.

Proportionen, Maßverhältnisse : die M-förmigen Hände Cäciliens scheinen sich nicht zufällig in der geometrischen Bildmitte zu befinden, auf derselben Höhe der Mittelwaagerechten befindet sich auch der Vogel = MaxE´s persönliches Symboltier . An Cäciliens Scheitelpunkt kann man die Trichteröffnung der Ummantelung sehen, durch die man beim Gußvorgang die glühende flüssige Bronze gießt. Fällt man an dieser Stelle das Lot, dann entspricht diese Senkrechte proportional der von Vogel und vertikaler Induktionsleitung gebildeten Senkrechten rechts im Bild. Außerdem wäre es lohnend zu untersuchen, ob und wo der Goldene Schnitt eingesetzt ist.

Kompositionsschema : = Dreieckskomposition der bildbeherrschenden Figur der Cäcilie. Man könnte aber auch von Diagonalkomposition sprechen, da ihr linker Arm und ihr pedaltretendes Bein in Richtung der Bilddiagonale von links oben nach rechts unten liegen.

Richtungen und Richtungsrhythmen : Waagerechte und Senkrechte und deren Wiederholungen, Schrägen und Gegenschrägen und deren Wiederholungen untersuchen.

Formrhythmen = Formwiederholungen untersuchen.


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