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4. Exkurs : weitere Wurzeln des SURREALISMUS : Lautréamont, Sigmund Freud, André Breton, Paul Éluard…

Mai 16, 2010

Von der Herrschaft der Logik zur Entdeckung des Unbewussten :

1920  wird Sigmund Freuds Buch über die Traumdeutung ins Französische übersetzt.

Die Künstler- und Dichtergruppe um André Breton und Paul Éluard reagiert und propagiert – ganz im Sinne Giorgio de Chiricos –  :  Kunst und Dichtung sollen die Dinge der rationalen Logik entziehen und stattdessen aus dem Unbewussten, Traumhaften und Zufälligen schöpfen ! Das rationalistische Weltbild wird als begrenzt und einengend empfunden. Der menschliche Erfahrungsbereich und die menschliche Gefühlswelt sollen erweitert werden durch Unbewusstes, Träume, Phantasien, subjektive Assoziationen und Halluzinationen…. Frühere, vor allem romantische und symbolistische Schriftsteller und Maler werden ins Blickfeld gerückt und als Vorläufer/Vorbilder gesehen :  so z.B.

NOVALIS = Friedrich Freiherr von Hardenberg  1772-1801 :

“ Mich dünkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens.“

“ Nur das Wunderbare ist schön.“

“ Wahnsinn und Bezauberung haben viel Ähnlichkeit.“

GÉRARD DE NERVAL = eigentlich Gérard Labrunie 1808 – 1855 schrieb angeblich im Zustand `supernaturalistischer Träumerei´…..

CHARLES BAUDELAIRE 1821 – 1867  „Les Fleurs du Mal“

ARTHUR RIMBAUD 1854 -1891  faszinierte durch`Wortalchimie´

GUILLAUME APOLLINAIRE 1880 -1918  war quasi noch Zeitgenosse und wichtigste Leitfigur… wurde von Giorgio de Chirico porträtiert……..

Die wichtigste Entdeckung jedoch war der unheimliche COMTE DE LAUTRÉAMONT Pseudonym für ISIDORE LUCIEN DUCASSE 1846-1870 : nannte einen Jüngling “ schön wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ . Mit dieser Formulierung ist das Wesen surrealer Schönheit beschrieben, die durch möglichst alogische absurde KOMBINATORIK erzielt wird =  Annäherung bzw. Kombination von zwei (oder mehr) einander wesensfremden Elementen auf einem ihnen wesensfremden Plan bzw. Platz.  Lautréamont sprach auch als erster von “ dépaysement“ (wörtlich : Entheimatung) = VERFREMDUNG : Herausnehmen eines Dings oder eines Begriffs aus seiner normalen Umgebung bzw. seinem logischen Zusammenhang und Verlagerung in eine ihm fremde Umgebung.

ZUFALL,  alogische KOMBINATORIK  und VERFREMDUNG werden alsbald zu Schlüsselbegriffen bzw. zu den wichtigsten Prinzipien bzw. kreativen Verfahren  des  SURREALISMUS !!!

Durch diese Anwendung des ZUFALLS,  der  KOMBINATORIK  und der VERFREMDUNG werden die surrealen Werke mit unseren TRÄUME verwandt, die meist weit jenseits der logischen Wirklichkeit liegen.